Mani´s Blog

Prolog

Er sah auf die Bucht hinunter, die tausendfach glitzerte.

Unzählige Kerzen schienen dort im Äther zu hängen, doch das leise Motorschnurren der Schiffe, die hier vor Anker gingen, verriet den wahren Grund. Trotz der angezündeten Laternen herrschte bereits finstere Nacht. Dennoch waren noch zahlreiche kleine Boote zwischen den Dschunken unterwegs, in der unerlaubten Hoffnung, Ware loszuwerden, von oftmals fragwürdiger Qualität. Darunter auch nicht mehr ganz so frischen Fisch, der tagsüber keine Abnehmer gefunden hatte. Genau genommen war das Leben für die Bewohner der vier Fischergemeinden, die sich dauerhaft in der Region direkt an der Lagune angesiedelt hatten, nicht einfach. Trotzdem überlebten sie Jahr für Jahr dank des regelmäßigen Andrangs von Touristen auf der Suche nach Abenteuer oder nach einem ganz besonderen Ort.

Und dieser war ein solcher.

Ausgestattet mit seinem Nachtsichtgerät erkannte er die einzige Passagierin an Bord einer Nussschale. Ja, sie war es tatsächlich. Diejenige, die seine Handlanger zu seinem Vergnügen manchmal hierher brachten, nachdem sie sie gefangen und ihr die Augen verbunden hatten. Wie es bei ihr der Fall gewesen war, wurden seine Opfer anschließend freigelassen. Entweder standen sie unter Drogeneinfluss, oder sie wurden direkt durch eine der Öffnungen, die der Belüftung seiner Höhle dienten, ins Meer geworfen, je nach Eingebung des Augenblicks. Nicht alle überlebten, und er fragte sich erneut, ob die Gerüchte über die verborgene Lagune im grünen, trüben Wasser, in die manche von ihnen fielen, ein Körnchen Wahrheit enthielten.

Und sogar mehr als das.

Um ehrlich zu sein, bestand seine einzige Sorge darin, dass sie den Ort mit seinen Nachkommen im Bauch verließen. Das Überbleibsel einer religiösen Erziehung, der er vor langer Zeit den Rücken gekehrt hatte. Der alte Glaube. Eines der größten Krebsgeschwüre unserer Gesellschaft, seufzte er innerlich. Plötzlich entstand eine Reihe von Assoziationen in seinem Kopf. Ausgesprochen brillant. Ja, die Recherchen von Nummer Zwei zu diesem Thema könnten eventuell dienlich sein … Er würde mit ihr darüber sprechen. Gedanklich machte er sich eine Notiz, bevor er an seine vorherigen Gedanken anknüpfte. Er lächelte angesichts der Schnapsidee eines Sprösslings. Zum Glück bewahrte ihn seine Beeinträchtigung vor solchen lästigen Folgen. Meistens zumindest.

Erneut ließ er seinen Blick über die Bucht und die zahlreichen Boote schweifen, die für die Nacht dort vor Anker lagen. Der unbestrittene Reiz des Ortes zog regelmäßig Besucher zu der riesigen Inselgruppe. Wenn diese anlegten, was glücklicherweise nicht häufig vorkam, strömten alle vorzugsweise zu den Inseln mit den Stränden und Höhlen, die speziell für Besucher ausgebaut worden waren. Wie zu dieser hier, die am höchsten Punkt mit einer Aussichtsplattform und einer Mobilfunkantenne bestückt war, die er insgeheim für seine Zwecke entfremdete. Der Aufstieg dorthin stellte sich für die meisten als halsbrecherisch heraus. Die Senioren zogen es daher vor, auf den hübsch gestalteten Stränden zu kleben, um an maßlos überteuerten Cocktails zu schlürfen, während sie auf die Rückkehr ihrer Schiffe warteten. Die Jüngeren wagten den Aufstieg der rund vierhundert steilen Stufen zum Aussichtspunkt, um gleich danach wieder hinunterzusteigen und den Vergnügen zu frönen, die ihnen der feine Sandstrand bot. Manche nutzten die Gelegenheit, um sich beim Beachvolleyball zu messen.

Wenn der Himmel wolkenlos war, konnte man beinahe die Küste sehen. Die Bucht im Zentrum blieb größtenteils verborgen, was zweifellos ihren Reiz ausmachte. In den Schwaden gefangen war sie von Geschichten umwoben, die von geheimnisvollen Schätzen und romantischen Legenden erzählten.

Die berühmteste dichtete die Entstehung des Archipels einem Drachen an, der vom Himmel gefallen war. Das meiste, so erzählte man, wäre an der Oberfläche geblieben und formte nun die rund dreitausend Inseln und Inselchen, die das Delta dieses Ortes besprenkelten. Der Hausherr dachte an seine früheren Gegner und daran, was er dank seiner Komplizen einige Monate zuvor über sie erfahren hatte. Vermutlich hätte dieser verfluchte Bär gekontert, dass die mystische und feuerspeiende Kreatur möglicherweise einen empfindlichen Magen gehabt hatte; dass sie an diesem denkwürdigen Abend eher zu viel von dem lokalen Bier getrunken und den Großteil des Inhalts wieder herausgewürgt hatte.

Von seiner uneinnehmbaren Insel aus, die wie tausend andere namenlos geblieben war, erspähte der Mann erneut die schöne Fischerin. Wie die meisten ihrer Landsleute war sie relativ klein. Ihre schlanke Figur verdankte sie der täglichen körperlichen Arbeit sowie ihrer Ernährung, die hauptsächlich aus Meeresproteinen und Gemüse bestand. Für eine Einheimische standen ihre Brüste auffallend deutlich hervor, doch er bezweifelte, dass diese chirurgisch vergrößert worden waren. Anrüchige Gedanken überkamen ihn, und er nahm sich vor, einen seiner Mitarbeiter zu beauftragen, sie noch einmal hierher zu bringen. Vermutlich stammte sie aus einem der Küstendörfer, doch er hatte keinen Schimmer, aus welchem.

Im Grunde war es nicht bedeutsam, wirklich nicht.

Wichtiger war die Tatsache, dass die meisten Inseln nur mit einigen Makaken und Giftschlangen bevölkert waren und dass der Großteil so löchrig war wie ein Laib Emmentaler. Und aus mangelndem Interesse wenig erforscht. Es hatte viel Mühe gekostet, seinen neuen Schlupfwinkel zu errichten, und auch viel Geld. Doch die einheimische Bevölkerung bewies selten Kompromissbereitschaft, wenn es darum ging, sich schmieren zu lassen.

In diesem Teil der Welt war Korruption gang und gäbe, aber die Reiche der Mitte und vor allem das der aufgehenden Sonne neigten inzwischen dazu, dem Beispiel des Westens zu folgen und deren Praxis immer weniger zu tolerieren. Schon seit längerem hatte er keinen Sinn mehr darin gesehen, am Hauptquartier in Fukien festzuhalten, und als sein Stützpunkt von diesem dämlichen, verrückten Polizisten und seiner Truppe belagert worden war, hatte das letztendlich nur seine Pläne beschleunigt. Es war ein Kinderspiel gewesen, mit seiner Hauptkomplizin im Mini-U-Boot zu flüchten, das nicht weit von der Gießerei entfernt neben dem mit Fonduetöpfen beladenen Transportfrachter angelegt hatte. Er war bereits über alle Berge gewesen, als der Landungssteg wie auch der Rest zerstört worden war[1]. Dennoch würde er anlässlich der neuen Operation noch einmal seinen Schlupfwinkel verlassen müssen, aber nur für kurze Zeit und zur Krönung seines einzigartigen Talents.

Er betrachtete das Porträt des Adlers, ein Original, das am nackten Fels hing, aus dem viele der Wände bestanden, und blieb einen Augenblick davor stehen. Das alte Kaiserreich hatte im Laufe der Jahrhunderte interessante größenwahnsinnige Herrscher hervorgebracht. Der letzte von ihnen, eine Marionette und blasse Kopie seiner glorreichen Vorgänger, war glücklicherweise dazu gedrängt worden, wegen mangelnder Glaubwürdigkeit abzudanken.

Ihm würde so etwas nicht passieren.

Es bestand wirklich keine Notwendigkeit, eine Karte um die Gebiete jenseits ihrer natürlichen Grenzen zu erweitern, wie immer diese aussehen mochten, doch die eine oder andere Justierung war manchmal unerlässlich.
Um zu bestimmten Zeiten und bei bestimmten Menschen Anomalien zu korrigieren.

Eine simple Wendung der Situation herbeizurufen.

Er rollte mit den Augen, kam aber nicht umhin festzustellen, dass, wie in seinem Fall, die großen Genies der Moderne offenbar zu einem einsamen asketischen Leben verdammt waren. Fern dieser undankbaren Welt, die nicht erkannte, welchen Dienst sie ihr erwiesen.

Da klopfte es laut an der Tür.

„Ihr Besucher hat sein Kommen für Anfang nächster Woche bestätigt, mein Herr“, erklärte sein Assistent.
„Vorher verde ich ein paar Tage veg sein, ich muss unverzüglich los. Doch ich verde für die Besprechung rechtzeitig zurück sein. Vergevissern Sie sich inzvischen, dass der Tisch und der Stuhl sorgfältig präpariert vurden“, befahl er ohne zu zögern oder seinen Ansprechpartner anzuschauen, wobei er einige bewusst gewählte Wörter deutlich betonte.

Wörter, die Gewicht hatten.

„Ja, mein Herr.“
„Sie verden unseren Gast direkt ins Esszimmer führen, aber erst nachdem ich mich an den Tisch gesetzt habe, und achten Sie darauf, dass unser Essen beizeiten serviert vird. Eine Flasche Sillecart-Balmon väre villkommen, aber kein großer Jahrgang. Leute vie er besitzen veder Sinn für Humor noch für Kultur. Er vürde es nicht zu schätzen vissen, geschveige denn den Unterschied merken. Ein 92er vird reichen.“
„Sehr gut, mein Herr.“
„Und veranlassen Sie, dass unser Vorführobjekt verfügbar ist. Übrigens vill ich, dass Sie ihn am Abend vor unserem Treffen herbringen. Haben Sie auch virklich alles verstanden?“
„Absolut, mein Herr.“
„Sehr gut. Veranlassen Sie alles Notvendige. Und stellen Sie sicher, dass Viola in seiner Nähe ist. Regen Sie sie im Vorfeld auf. Sie sorgen dafür, dass sie hungrig ist, ja?“
„Sie bekommt die ganze Woche einen Diätjoghurt pro Tag ohne Farbstoff und mit Aktivbifidus, mein Herr“, antwortete sein Untergebener mit einer gewissen Furcht in der Stimme, bevor er sich diskret zurückzog.

Der Mann blieb allein im Raum zurück. Entschlossen und sich das Kinn streichelnd. Nichts würde ihn diesmal aufhalten! Die Swiz würde in die Knie gehen. Und endgültig von der Weltkarte verschwinden.

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Nummer Zwölf beschleunigte ihre Schritte.

Der entgegenkommende Verkehr beeindruckte sie wenig, während sie leichtfüßig zwischen den hunderten von Zweirädern glitt, die in stetiger Bewegung waren, und von denen viele ihre Gegenwart mit lautem Hupen kommentierten. Sie ignorierte sie und überquerte den Boulevard, der sie zu der unscheinbaren Gasse führen würde, wo sich, wie sie wohl wusste, der regionale Sitz der Organisation verbarg.

Das Leben in der südasiatischen Metropole war mit den Millionen von Mopeds vergleichbar, von denen es mehr gab als Einwohner und die immerfort die Hauptstraßen pflückten wie ein unersättlicher Heuschreckenschwarm. Es wimmelte unaufhörlich. Einige Ruheoasen gab es dennoch, Überbleibsel aus längst vergangenen kolonialen Epochen. Offene Wunden, die von der Lokalverwaltung eifersüchtig beschützt wurden, weil sie auf vermögende Touristen eine starke Anziehung ausübten. Die eleganten Damen von einst waren unverändert geblieben, entweder waren sie gelb oder weiß getüncht, und dienten oftmals als Hotels mit mehr Sternen als man zählen konnte. Die vornehmen Bauten, die im krassen Gegensatz zum sonstigen Durcheinander aus abenteuerlich aussehenden elektrischen Konstruktionen und unschönen, verwinkelten Behausungen ohne ästhetischen Anspruch standen, boten eine willkommene Atempause vom herrschenden Wahnsinn in der nördlichsten Stadt des Landes. Manche dieser Häuser waren von ihrem ursprünglichen Weg abgekommen und hatten ihre Karriere in andere, bescheidenere Richtungen gelenkt, die nicht unbedingt empfehlenswert waren.

Bald fand sich die junge Frau vor genau einem solchen Haus wieder.

Nichtsdestotrotz verlangte das prunkvolle Gebäude Respekt ab, wobei das bescheidene goldene Schild seitlich der schweren weißen Holztür ihre Aufmerksamkeit erregte. Wie der Hinweis auf eine Privatbank, was es auch war. Zumindest dem Anschein nach. Die Aufschrift war auf Französisch und auch in der Landessprache verfasst, der einzigen in diesem Teil der Welt, die sich aus lateinischen Buchstaben zusammensetzte. Nummer Zwölf griff mit ihren langen feingliedrigen Fingern nach dem goldenen Türklopfer in Form eines ungewöhnlich kurzen, doppelten Alphorns, der als Laib Emmentaler endete, beide waren rissig. Das Erkennungszeichen aller Gebäude, die insgeheim der Organisation gehörten. Sie klopfte viermal energisch gegen die Platte aus dem gleichen Metall, bevor sie die hektische Stadt ihrem Schicksal überließ.

Trotz der Leichtigkeit ihrer Erscheinung konnte die junge Frau nicht verhindern, dass ihre hohen Absätze auf dem hundertjährigen Parkettboden aus Kirschholz laut widerhallten. Diese Tatsache ignorierend setzte sie entschlossen ihren Weg fort. In den Schalen der beiden Zierbrunnen am Empfang badeten frisch geschnittene Blüten in kräftigen Farben. Sie verbreiteten einen angenehmen Duft, was durch den riesigen Deckenventilator noch verstärkt wurde, der auf dem perfekt geschminkten und erstaunlich glatten Gesicht der Besucherin ein sanftes Streicheln verursachte. Einen Moment lang wurde sie von einem Angestellten im Anzug begutachtet, der hinter seinem Schreibtisch saß und für ihre grausame Schönheit anfällig schien.

„Guten Tag, Mademoiselle.“
„Schließfach 274. Bitte beeilen Sie sich[2].“
„Natürlich, Mademoiselle“, sagte er und eilte auf eine unscheinbare Tür zu. „Hier entlang.“

Nachdem er diese sorgfältig hinter sich geschlossen hatte, ging er eine Treppe hinunter. Seine Kundin folgte ihm auf dem Fuße. Nach einigen schnellen Schritten entlang eines menschenleeren, holzgetäfelten Korridors blockierte eine Tür mit dicken Metallstäben den Weg. Ohne zu zögern, griff der Angestellte nach einem Bund mit vielen Schlüsseln und steckte denjenigen ins Schloss, der es unweigerlich öffnen würde. Sie betraten einen großen Raum, der in mehrere gleich große Sektionen aufgeteilt war, doch beide ignorierten die hunderten von Fächern, die in den Wänden eingelassen waren und begaben sich zum hinteren Teil des Saals.

In einer häufig wiederholten Geste, wenn auch bisher getrennt voneinander, führte jeder von ihnen zeitgleich einen Schlüssel in die dafür vorgesehenen, außerordentlich komplizierten Schlösser ein. Eine Wand wurde sichtbar, die langsam in den Boden glitt, vollkommen lautlos. Dahinter waren Stufen zu sehen. Der Angestellte zeigte in die Richtung, und Nummer Zwölf ging allein hinunter, bevor der andere die Wand hinter ihr schloss.

Weiter unten wurde die Identität der Besucherin mithilfe eines Augenscanners bestätigt, so dass sie eine doppelte Reihe von dicken waagerechten Metallzylindern überwinden konnte, die auseinandergingen, um sie vorbeizulassen. Auf dem Korridor, der wie der Rest des Untergeschosses komplett aus Marmor bestand, wurden plötzlich Stimmen laut. Zielstrebig riss sie die riesigen Türen an seinem Ende auf. Ein einzelner Stuhl, klassisch und mit pflaumenfarbenem Velours bezogen, stand noch unbesetzt inmitten zehn anderer Stühle, die den prunkvollen Raum beherrschten, der mit gleichfarbigen Skulpturen und Kolonnaden ausstaffiert war. Mit der nötigen Diskretion nahm Nummer Zwölf ihren Platz ein, bevor der oberste Chef der SWIZ, der Sektion für Wiedergutmachung, Isolierung und Zerstörung der Swiz, seine Ansprache fortsetzte. Sie hatte ihn seit vielen Monaten nicht gesehen, und er hatte sich nicht verändert. Seine Autorität war beruhigend. Anziehend, um ehrlich zu sein. Sie nahm auf ihrem Sitz Haltung an, indem sie die Beine übereinanderschlug und die Brust herausstreckte, dann spitzte sie die Ohren.

„Vir haben in den letzten Monaten in den Nahen und Mittleren Osten sovie im Norden Asiens investiert, um Aufstände, Revolutionen, aber auch Machtergreifungen heraufzubeschvören. Das hat uns bei unseren gegenvärtigen Spekulationen fette Dividenden eingebracht. Durch Vaffenverkäufe zum Beispiel, auch venn bestimmte Fürsprachen im Vesten noch reifen und bei der nächsten Volksabstimmung paraphiert verden müssen. Vas das betrifft, stehen vir kurz davor, eine Operation im Zentrum des alten Kontinents zu starten, sovie in einer ihrer ehemaligen Kolonien, deren Kühnheit unsere bisherigen Aktivitäten in den Schatten stellen vird. In Zukunft verden euch letztere vergleichsveise lächerlich vorkommen[3].“

Offensichtlich gestalten sich die Aktivitäten der Organisation abwechslungsreicher als früher und beschränken sich nicht mehr nur auf eine und dieselbe Region auf dem Globus, dachte die junge Frau. Ja, die Zukunft des Unternehmens stand ganz im Zeichen der Internationalität, auch wenn das Land, das ihrem obersten Führer die Staatsangehörigkeit verweigert hatte, ein Hauptziel blieb. Nummer Zwölf, die von dem Vortrag gefesselt war, spürte ebenfalls ein wachsendes Interesse unter den Anwesenden, die sich aus Geschäftsmännern und -frauen jedweder Herkunft zusammensetzten und alles andere als integer waren. Kapitalanleger vielleicht. Und dann war da noch diese sehr junge blonde Frau, die sie häufig um den Herrn herumschwänzeln sah, ohne dass sie genau wusste, was die beiden miteinander verband. Im Zuge einer früheren Operation hatte sie eine ganze Nacht in ihrer Gegenwart verbracht, doch die beiden Komplizinnen hatten nur unbedeutende Worte gewechselt oder welche, die mit der laufenden Tätigkeit zusammenhingen. Worin bestand ihre Rolle wirklich? Und was stellt sie in den Augen unseres Herrn dar?, fragte sich Nummer Zwölf, die einen Stich Eifersucht spürte.

Nachdem der oberste Chef zwischen den Anwesenden hin und her geschlendert war, ging er die Stufe hoch, die ihn von den anderen trennte, und nahm auf einem Stuhl Platz, der den anderen zehn, die vor ihm aufgereiht waren, bis auf den Stuhlbeinschoner glich. Wäre da nicht die Reihe von Knöpfen auf einem Kasten gewesen, der auf der Armstütze montiert war. Mit dem Zeigefinger berührte er einen der Knöpfe, verharrte aber mitten in der Bewegung, während er seine Ansprache fortsetzte, selbstsicher und seines Einflusses auf die Zuhörer gewiss.

„Die Zusammenarbeit, die vir vor zvei Jahren auf internationaler Ebene zvischen unserer Engineering-Abteilung und der Abteilungen anderer ausländischer Gruppierungen gestartet haben, hat es uns ermöglicht, eine ehrgeizige Technologie der Zerstörung zu entvickeln. Aber urteilt selbst, invieveit sie hält, vas sie verspricht …“

Sein Finger bewegte sich, und oberhalb des Simses eines prunkvollen, wenn auch falschen Kamins, den die junge Frau bisher noch nicht bemerkt hatte, tauchte wie von Geisterhand ein Bildschirm auf. Die extrem gewalttätigen Bilder schlugen die Zuschauer in ihren Bann, woraufhin lauter Beifall ertönte, bevor der Chef seinen Vortrag fortsetzte.

„Entsprechend des Terminplans, den vir mithilfe der Dienstleistungen Kryptografie und Fortschrittliche Planung in den letzten vierundzvanzig Monaten entvickelt haben, vird sich unsere geschätzte Nummer Zvölf unmittelbar nach unserer Zusammenkunft nach Europa begeben, um die primäre Phase zu konkretisieren.“

Einige Blicke richteten sich diskret auf die betreffende Person, die sie mit einem herablassenden Lächeln beantwortete, dennoch konnte sie nicht umhin, die Lider zu senken angesichts des forschenden Blicks ihres Herrn, der seine Augen in ihre versenkte.

Schon nahm er seinen Monolog wieder auf. „Sie vird die Viedereingliederung eines Gefährten in unsere Reihen übervachen, der für die veitere Ausführung der Operation unentbehrlich ist. Gleichzeitig“, setzte er mit einem Hauch von Humor in der Stimme fort, „sehen unsere Pläne ebenfalls die unfreivillige Teilnahme eines dritten Partners vor. Eine Zusammenarbeit, deren Aufsicht ich selbst führe“, schloss er seltsam lächelnd.

Vor den Augen der Mitglieder der Organisation zogen Bilder der Person vorbei, die bei offiziellen Besuchen im Ausland oder einfach bei der Arbeit in seiner Heimat aufgenommen worden waren, während der Applaus immer lauter wurde. Die junge Frau erkannte manche dieser Bilder wieder, die weltweit in den Medien zu sehen gewesen waren.

Sie konnte sich ein leises Lächeln nicht verkneifen, als wenig später ebenjene Person den Raum betrat.


[1] Siehe „Operation Cheesestorm“ des gleichen Autors, Juni 2014
[2] und [3] Nach einem Monolog aus dem Film „Never Say Never Again“, Irvin Kershner, Taliafilms, Producers Sales Organization, Warner Bros., Oktober 1983.